Die Mähr vom verdorbenen Fleisch:

Da wird doch tatsächlich immer noch das Märchen erzählt, daß im Mittelalter so stark gewürzt wurde, weil die Lebensmittel - besonders das Fleisch - meist schon leicht angegammelt gewesen seien und man diesen Touch von Verwesung ja irgendwie übertünchen musste.

Seit Jahrzehnten wird diese "These" immer wieder voneinander abgeschrieben - nur, die Fakten passen nicht zu diesem Mythos! Und auch der gesunde Menschenverstand spricht eigentlich dagegen:

Überlegung 1: 

Verdorbenes Fleisch ist eines der stärksten Gifte bzw. enthält den stärksten bekannten Giftstoff. Wer verdorbenes Fleisch ißt, bringt sich um!

Welcher mittelalterliche Koch konnte riskieren seinen Herren zu töten?

Ist wirklich noch niemandem aufgefallen, daß Gewürze damals unfassbar teuer waren? Da wäre es billiger gewesen das angegammelte Fleisch wegzuwerfen und frisches zu kaufen.

Und das arme Volk, das eventuell vor lauter Hunger das Vergiftungsrisiko einging, hatte keine teuren Gewürze.

Quod erat demonstrandum!

Überlegung 2: 

Die Methoden, die die Menschen des Mittelalters einsetzten, um Lebensmittel haltbar zu machen, waren alle bereits seit der Antike bekannt. Eine gewisse Übung, die das Verderben von Fleisch verhindert, kann man also wohl voraussetzen.

Überlegung 3: 

Stark gewürztes Essen schmeckt einfach gut!

Haben sich die Vertreter der oben beschriebenen These je gefragt, was ein Inder, ein Thailänder, ein Koch der Cajun-Küche, eine Hausfrau der arabischen Küche oder ein Esser afrikanischer Lokalküchen zu dieser Begründung der starken Würzung ihrer täglichen Speisen sagen würde?

Wer ist je auf die Idee gekommen, als er bei seinem Urlaubsessen saß, daß mit den interessanten und wohlschmeckenden Gewürzen etwas verdorbenes kaschiert werden soll?

Wenn hier überhaupt etwas kaschiert wurde, dann der impertinente Salzgeschmack des in der Regel verwendeten Salzfleisches. Mindestens vom Schlachtefest im Herbst bis zu den ersten Lämmern um Ostern herum wurde nämlich nur eingepökeltes Fleisch gegessen.

Überlegung 4: 

Die mittelalterliche Küche hatte als Basis eine spezielle Diätik, die mittelalterliche Säftelehre. Diese nutzte die Gewürze dazu um medizinisch, also diätisch, auf den Esser einzuwirken und seine Säfte zu temperieren.

Überlegung 5: 

Gerne wird von moderner ausgebildeten Gelehrten darauf hingewiesen, daß die Demonstration von Reichtum keine Erfindung der Neuzeit ist. Dazu kommt, daß in einer Zeit vor Massenmedien-Marketing die Zeichenwirkung eines Festes bzw. Gastmahles  eine außerordentliche war. Sie wurde vom Hofhaltenden bewußt eingesetzt und von den anwesenden Gästen verstanden.

Überlegung 6: 

Darüberhinaus sollte man bedenken, daß auf den doch sehr langen Handelswegen und mit den damals doch relativ undichten Verpackungen (im Vergleich zu heutigen Versiegelungsmöglichkeiten) der Geschmacksverlust von Gewürzen wohl erheblich war.

Überlegung 7: 

Und zum Schluss stelle ich hier noch die ketzerische Frage: Wo steht überhaupt, dass die Speisen so sehr überwürzt waren? In keinem Rezept!!! In den originalen Kochbüchern sind Mengenangaben ja eben nicht zu finden. Das bedeutet, es wurde von wenigen überkommenen Einkaufslisten runtergerechnet. Das ist ungefähr so vernünftig, wie aus meinem wohlgefüllten Gewürzschrank auf die Stärke der Würzung meines morgigen Mittagsessens schliessen zu wollen!

Dabei zieht auch das Argument nicht, dass man ja nur den Jahresverbrauch auf den Tag herunterrechnen muss. Damals stand zwar kein MHD auf den Verpackungen, aber wie schimmelanfällig gerade Gewürze sind, ist bekannt. Je weiter nördlich, desto feuchter die Witterung und also auch der Schwund durch wegwerfen.

 

Links zum Thema:

Gift - Wikipedia

Botulismus - Wikipedia